2012—Heute

Um die Frage seiner Frau zu beantworten, weshalb sich die Teeblätter in ihrer Tasse beim Rühren zuerst verwirbeln und sich dann auf dem Boden in der Mitte sammeln, bemühte der berühmte Physiker und Nobelpreisträger Erwin Schrödinger seinen nicht weniger berühmten Kollegen Albert Einstein um eine Erklärung. Wie zu erwarten, lieferte Einstein die Lösung in der Form einer komplexen physikalischen Formel, und Schrödingers Frau soll fortan ihren Tee «nie mehr getrunken haben, ohne an ihn (Einstein) zu denken».
Wenn die simple braune Flüssigkeit die Physiker also die Naturgesetze ablesen ließ, so führte sie Frau Schrödinger einer anderen Sicht der Dinge zu. In diesem kurzen Augenblick ihrer Alltagswirklichkeit, wie sie die Teetasse rührt, wie sie den Tee riecht und ihn trinkt, ruft ihr sinnliches Empfinden nicht nach Rationalität und Logik, sondern macht Platz für eine flüchtige Erinnerung.
Stellen wir hier den bekannten Satz von Gertrude Stein daneben, der 1922 fast zeitgleich mit dieser Episode geäußert wurde und er in der Folge weitreichend Terrain absteckte: «A rose is a rose is a rose». Dasselbe gilt für eine Teetasse, die auch nichts anderes als eine Teetasse und somit ein Objekt für sich ist. Und dennoch. Allein aus dem lyrischen Sprachfluss von Steins Statement erhebt sich eine Welt, der unsichtbare Bilder einwohnen. Sie entziehen sich der reinen Anschauung und zersetzen die Grenze zwischen dem Außen und dem Innen.
Das Wesentliche, so werden wir über die Kulturen hinweg belehrt, liege im nicht greifbaren Innern. Das hält uns jedoch nicht davon ab, ausdrücklich nach Artikulation oder einer Form zu suchen, die uns das Wesentliche zeigen soll, auch wenn es immer nur ungefähr, unvollständig und vorläufig bleiben kann. War nicht der Maler Cézanne dafür ein Hauptzeuge? An die Suche nach dem Innern der Natur gab er sein ganzes Leben und ein ganzes Werk –«in aller Unschuld», und mit dem Recht des Künstlers, «den Blick auf alle Dinge zu werfen, ohne zu ihrer Beurteilung verpflichtet zu sein», notierte Maurice Merleau-Ponty. In aller Unschuld und Unvoreingenommenheit, doch ausgerüstet mit einem besonderen Blick, macht sich auch Letizia Enderli an die Erkundung der Welt. Er fällt auf Fundstücke, Belangloses und Unscheinbares, aber angetrieben von einem drängenden Gefühl, dass hier oder dort oder irgendwo Bedeutung liegen könnte. Wenn sie auf solchen Reisen ohne Ziel und Zweck nach Dingen greift, so blicken
«Mit dem Staunen vermögen wir das Unsagbare zu berühren und uns aus seiner Begrenzung ein wenig zu befreien.»
Auch wenn hier nur ein Augenblick von flüchtiger Materie unter die nicht einmal besonders raffinierte Linse des Smartphone kommt, scheint die Welt des Kleinen ins Große gehoben zu sein. Die Schnappschuss -Ästhetik liefert wundersame Bilder zufälliger Harmonien von Farben und Formen, von Melodien aus Zeichen und wispernden Worten — denkwürdige Konstellationen, die den Erkenntnisgewinn klein halten und dafür das Staunen umso größer machen.
In der Welt des Instagram und seiner umstandslosen Notierung der Oberfläche hat uns das Staunen jedoch zunehmend verlassen. Dabei galt es seit den Anfängen der griechischen Philosophie als Bestandteil der Poesie und war ein Merkmal für die Dignität des Kunstwerks. Mit dem Staunen vermögen wir das Unsagbare zu berühren und uns aus seiner Begrenzung ein wenig zu befreien.
Kein Wunder, dass das Staunen selbst jene überkommt, die mit Logik die Beschaffenheit unserer Welt vermessen. Der Physiker Werner Heisenberg — ein weiterer Nobelpeisträger – berichtete, dass ihm beinahe schwindlig wurde, als er durch die Oberfläche der atomaren Erscheinungen «auf einen tief darunterliegenden Grund von merkwürdiger innerer Schönheit» schaute. Und von Albert Einstein kam es klar wie ein Trompetenstoß, dass das Vermögen zu staunen geradezu ein Imperativ sowohl in der Wissenschaft als auch in der Kunst sei. Wer keiner Begeisterung fähig sei und nicht starr vor Staunen dastehen könne, sei so gut wie tot. «Seine Augen sind geschlossen.»
Text: Marianne Karabelnik,
«Teatime», Zürich 2019
Bild: Ausstellungsansicht, Alte Spinnerei Murg, 2019
